Nähstube

Erst im Nachhinein fällt mir auf, dass ich kein einziges Foto von der Nähstube gemacht habe und es auch typischer Weise kein älteres Foto gibt, weil eine Nähstube und die Zeit bei der Arbeit in den 60er Jahren privat nicht als fotografierwürdig galt. Also sind wir auf unsere Erinnerungen und die Dinge angewiesen. Die Geschichte dieser Nähstube werde ich in dem abschließenden autobiographischen Text über die Nähstube meiner Mutter schreiben. Im Mai 2022 habe ich die kleine Schrift Eine Frau von Annie Ernaux gelesen, in der ich vieles wieder erkannt habe und auch meine Intention,- persönliche, aber über das private hinaus reichende, Arbeiten zu schaffen.
Zwei Ziele habe ich mit dieser Arbeit verbunden; zum einen meiner Mutter ein Denkmal zu setzen und zum anderen zu den Wurzeln meiner Arbeit als Künstlerin zu gelangen.
Meine Mutter hat mit dem Schneidern als Gelderwerb in ihren sechzigern weitgehend aufgehört, sie ist stattdessen lieber in den Garten arbeiten gegangen. Der Beruf Herrenschneiderin war auch nicht ihr Wunschberuf, sondern war in den Nachkriegsjahren eine Ausbildung, die sie als Flüchtlingskind und Halbwaise bekommen konnte. Da meine Mutter, nachdem ich eingeschult wurde, nicht mehr als Gesellin in einer Werkstatt gearbeitet hat, sondern alles in Heimarbeit in der kleinen Nähstube in unserem Haus erledigte, habe ich sie oft in diesem intimen Raum erlebt. Völlig selbstverständlich habe ich vieles über die Welt der Kleidung gelernt, auch wenn ich keine gute Schneiderin geworden bin, denn „ich sollte es besser haben“. In diesem Raum habe ich meine Schularbeiten gemacht, Radio gehört, manchmal etwas geholfen, gespielt und mit ihr „Ich sehe etwas, was du nicht siehst...“ mit ihr gespielt. Dabei war ich von einer Fülle von Stoffen, Nadeln, Garnen, Knöpfen, Reißverschlüssen, Schnittmustern und dem Geräusch ihrer mechanischen Nähmaschine umgeben. Ich habe es geliebt mich dort aufzuhalten, nah bei meiner Mutter inmitten vieler schöner Dinge. Ganz nebenbei habe ich dort unendlich viele Farbtöne gesehen und Stoffe gefühlt. Damals war die Welt im allgemeinen noch nicht so bunt wie heute. Meine Mutter hat mir erst vor einigen Jahren gesagt, dass ich schon als Kind auffällig intensiv an Farben interessiert war. Ich kann mich erinnern, dass ich gerne die Materialien betrachtet habe und dabei Farbkombinationen spielerisch ausprobiert habe. Für mich waren schon da alle Farben schön- es kommt nur auf ihre Zusammenstellung an.

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Seit 2018 arbeite ich an dem Opus Magnum „B.R. Memory“, das bis dato 2008 einzelne Foto-Malerei-Collagen umfasst, aber noch nicht abgeschlossen ist. Ein Block innerhalb dieser Arbeit sind Collagen mit den Fotos von dem Nähmaterial meiner Mutter. Die Nähutensilien habe ich größtenteils in drei Durchgängen fotografiert. Zum ersten Mal am 4. Juni 2021, dann am 12./13. Mai 2022 und nochmals in dem Zeitraum vom 25.-30. August 2022.
Dieser Block, den ich unter dem Titel „Nähstube“ zusammen gefasst habe, beginnt mit der Nr.1669 (21.2.2022) und geht bis heute bis Nr. 2008 (24.10.2022), das sind 340 Bilder/ 170 Bildpaare. Grundlage sind 334 Fotoausschnitte, die ich auf 21 Bögen im Format 20x30 cm montiert habe. Mein Bildträger sind 15x15 cm große Papiere, die eine Vorstufe von Fotopapier sind. Zunächst suche ich mir ein Bildpaar von meinen Fotobögen aus und dann male ich mit Tusche oder Gouache eine farbige Fläche. Wenn diese getrocknet ist, wird das Foto darauf mit Klebstoff platziert.
Der Name „B.R. Memories“ bezieht sich einerseits wörtlich übersetzt auf Erinnerungen an Bad Rothenfelde, den Ort meiner Kindheit und Jugend, aber auch auf das bekannte Spiel „Memory“. Jedes Bild bekommt zunächst den Titel der Werkreihe, meine Signatur, dann einen Titel für das Bildpaar, das Datum der Entstehung und die laufende Nummer. Für die Titel sind Fachbegriffe, die ich noch aus meiner Kindheit kannte, wie z.B. Nähring, Litze, Perlmutt, Taft, Lodenknöpfe, Ramie, Webkante oder Georgette eingeflossen. Manche Stoffe oder Garne kannte ich nicht mit Namen. Leider konnte ich meine Mutter nicht fragen, weil sie in Folge eines Schlaganfalls vieles nicht mehr erinnern konnte. Also musste ich im Internet recherchieren und habe mir auch das Buch ABC der Stoffe von E. Berkau und A.Wolff gekauft. Außerdem besuchte ich Anfang August das LWL Museum TextilWerk Bocholt, die Spinnerei und die Weberei. Mein wieder erwachtes Interesse an den textilen Handwerken hat mich selbst überrascht. Die Schneiderei ist in Deutschland ein Handwerk, dass im Alltag nicht mehr gegenwärtig ist. Der damit verbundene Wissensverlust über die Qualität unserer Kleidung ist groß.

 

Gabriele Seifert

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